gefunden: keine Angst vorm "Chemobrain"

March 18, 2018

 

Ganz am Anfang, wenn gerade die Diagnose Krebs gestellt ist, tut sich meist ein Abgrund an Ängsten und Fragen vor den Patienten auf.

Zuvorderst natürlich: Werde ich das hier überstehen? Was wird es mit mir, mit meiner Familie, mit meinem Körper machen? Bin ich stark genug für die Behandlung? Und: Welche Nebenwirkungen werde ich aushalten müssen? Besonders große Befürchtungen haben sich dabei von jeher auf die Chemotherapie gerichtet, jene unheimliche Therapie, die den Körper zunächst richtig krank macht, in der Hoffnung, dass der Patient am Ende der Therapie geheilt wie Phoenix aus der Asche steigen kann. Dieses Paradox - dass die Chemo schaden muss, um zu nützen - war und ist für viele Patienten eine schwer zu akzeptierende Vorstellung. Tröstlich war es da, in den letzten Jahren rund um die Chemo auch gute Nachrichten zu hören: Sie bleibt dank zielgerichteter Therapien neuerdings manchen Patienten ganz erspart, und wenn sie doch nötig ist, lässt sich die Übelkeit zunehmend besser kontrollieren, Haarausfall oft vermeiden, und es gibt gut verträgliche Chemo-Arten, die in Tablettenform eingenommen werden können.

 

Diese insgesamt positive Entwicklung scheint getrübt von einem neuen Schreckgespenst, das einen knackigen und etwas unheimlichen Namen mitbringt, das sogenannte "Chemobrain". Was darunter zu verstehen sein könnte, lässt sich leicht zusammenreimen, nämlich ein durch die Chemo derart durcheinander gebrachtes Gehirn, dass höhere Denkfunktionen, also Erinnern, Konzentrieren, Fokussieren usf. angeblich schlechter gelingen, als vor der Behandlung. Und anfühlen soll sich das ganze in etwa, wie es die New Yorker Autorin Marisa Acocella Marchetto in ihrer Krebsautobiographie gezeichnet hat, nämlich "als würden Deine grauen Zellen zu Matsche werden".

 

Krebspatienten, die vom angeblichen Chemogehirn hören oder lesen, kann das in mehrfacher Hinsicht Sorge bereiten: Wenn es ein "Chemobrain" gibt, dann müssten Betroffene fürchten, während oder nach der Chemo zusätzlich Lebensqualität einzubüßen - etwa weil sie schlechter lesen oder zuhören und vor lauter Vergesslichkeit den Alltag schlechter meistern könnten. Zum anderen müssten sie um ihre Leistungsfähigkeit nach Abschluss der Krebsbehandlung, wenn sie wieder in den Job zurückkehren wollen, bangen. Und schließlich wäre es eine schreckliche Vorstellung, wenn man als Preis für die Chemotherapie womöglich noch ein paar IQ-Punkte verlöre - vielleicht sogar für immer.

 

Die Münchner Psychologin und Wissenschaftlerin Kerstin Hermelink hat sich dem angeblichen Phänomen Chemobrain seit einigen Jahren auf die Fährte geheftet - und sie hat dem angsteinflößenden Hype um das Chemobrain einiges entgegenzusetzen.

 

Vor kurzem stellte sie die Ergebisse ihrer an Brustkrebspatientinnen durchgeführten Studie "Cognicares"im Müncher Netzwerk für Psychosoziale Onkologie N-PSOM vor. Dabei konnte sie den anwesenden Psychoonkologen zwei überaus ermutigende Nachrichten für betroffene Patienten mitgeben: Zum einen treten kognitive, also auf das Denken bezogene Probleme infolge der Chemotherapie nur in geringem Maß und nur bei manchen Patienten auf. Für die meisten Betroffenenen gilt, dass die geistige Leistungsfähigkeit, das Gedächtnis und alle Denkfunktionen nach Abschluss der Chemotherapie im Wesentlichen in dem Leistungsbereich liegen, in dem sie schon vor der Diagnose angesiedelt waren.

Das zweite wichtige Studienergebnis: kognitive Beeinträchtigungen, die die Patienten an sich selbst erleben und auch das, was sich eventuell an vorübergehenden Einbußen objektiv messen lässt, ist nicht auf die Chemo zurückzuführen. Hermelink konnte in ihrer Studie folgendes zeigen: Es ist nicht  die Chemo, sondern es ist der "cancer-related-stress", also die Summe der Stresserlebnisse, die durch alles, was Menschen rund um Diagnose und Therapie erleben, verursacht wird. Dies ließ sich in der Studie daran ablesen, dass bei den Patientinnen, bei denen es zu einem kleinen kognitiven Knick nach unten kam, dieser bereits vor Beginn der Chemotherapie eintrat. Es sind also - wenn überhaupt - eher psychologische Faktoren, die die Denkfunktionen beeinträchtigen als neurotoxische Nebenwirkungen der Behandlung, wie man bisher gemutmaßt hatte.

Patienten dürfen also weiterhin grundsätzlich mit der Erwartung in die oft kräftzezehrende Zeit der Chemo gehen, dass sich der Körper von den meisten Belastungen und Veränderungen gut wieder erholen wird.

 

 

 

 

 

 

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