gelesen: Tagebuch einer Genesung. Prestel Verlag, München London New York 2016

October 18, 2017

Die hohe Kunst der Natalie Kriwy

 

 Zwei Dinge kann Natalie Kriwy richtig gut: Fotografieren und aus Zitronen Limonade machen. In ihrem 2016 erschienenen Bildband „14/09 Tagebuch einer Genesung“ erzählt sie die Geschichte ihrer Brustkrebserkrankung von der Diagnose an, durch die Krebstherapie bis zur Ankunft in einer neuen Normalität. Die harsche Realität der onkologischen Therapie verwandelt sich unter dem Blick der mit 32 Jahren erkrankten Fotografin in hochästhetische Bilder. Auf diesen leuchtet ein Chemobeutel in grellroter Schönheit, appetitlich wie ein Drink, und die blutgefüllten Drainageflaschen sehen auf den ersten Blick wie ein perfekt ausbalanciertes Ikebana-Gesteck aus.
Die schöne junge Frau scheint bald nach der Diagnose entschieden zu haben, dass egal, was der Krebs mit ihr macht, sie eins nicht aus der Hand geben wird: die Deutungshoheit über ihre eigene Lebens- und Krankheitsgeschichte. Wenn die Haare schon ausfallen müssen, dann wird daraus eine makaber-komische Performance, bei der sie ihrer Chemoglatze zuvorkommt und sich die Haare lachend selbst ausrupft. Und wenn sie schon im OP beide Brüste verliert, dann schaut wenigstens das Auge ihrer Kamera den Ärzten beim Schneiden zu und dokumentiert vom Stativ aus, was ihr im Narkoseschlaf widerfährt. Dem brutalen Zugriff der Krankheit setzt sie eine akribische Sammeltätigkeit entgegen: Haare, Wimpern, Augenbrauen, verbrauchte Spritzen, Schminke, Schmuck – vor allem das, was ihr Körper hergeben muss, wird erstmal aufgehoben, später verpackt, angerichtet und in ein Bild verwandelt. Auch auf den teilweisen Verlust ihrer körperlichen Autonomie und Unversehrtheit antwortet Natalie Kriwy mit einer Flucht nach vorne: Sie zeigt ihren Körper entblößt und verletzt. Aber indem sie es auf ihre Weise tut, rettet sie letztlich doch Privatheit und weibliche Würde.
Dass die Künstlerin Kriwy hartnäckig und unerschrocken auf das Thema Krebs blickt, heisst noch lange nicht, dass es die Patientin Kriwy auch tut.  Im Dienste der seelischen Stabilität schaut sie auch einfach mal weg:„Wenn ich das ausblende, was mich beunruhigt, geht es mir gut“ schreibt sie im begleitenden Tagebuch. Und im Hinblick auf die Details der Krebstherapie macht sie sich “wenig Gedanken“ und vertraut stattdessen vor allem den Ärzten und ihrem Lebenspartner, der ebenfalls Mediziner ist.
Glück hat sie aber nicht nur mit den sie umgebenden Menschen, sondern auch mit der Krebstherapie, die gut anschlägt und in die Genesung mündet. Kriwy erzählt von gelingender Bewältigung und dem hoffnungsvollen Ausgang ihrer Krankheitsgeschichte. Ob zu den Folgen der Krebstherapie auch gehört, dass sie keine Kinder mehr bekommen kann, bleibt am Ende offen. Aber es spricht viel dafür, dass die Art, wie Natalie Kriwy dem Leben begegnet, ihr helfen wird, auch zukünftige Krisen zu meistern. „Erstaunlich, was alles möglich ist“ kommentiert sie die Möglichkeiten der Medizin zuversichtlich. So könnte dieser Fotoband - auch wenn Natalie Kriwy ihn zunächst nur für sich selbst angelegt hat - ein Mutmacher für andere Betroffene, insbesondere für junge Frauen sein. Kriwys ruhiger und fester Blick, mit dem sie mitten aus der Chemotherapie heraus vom Buch-Cover lächelt, spricht vom Überleben. Solche Geschichten können gar nicht oft genug erzählt werden.

Tagebuch-einer-Genesung, Natalie-Kriwy, Prestel

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