gelesen: Überleben und Sport

March 13, 2019

In der psychoonkologischen Praxis erleben wir täglich, wie sehr sich Patienten nach einer Krebsdiagnose selbst um ihre Heilung bemühen. Sie absolvieren meist nicht nur die auf etablierten Standards beruhende onkologische Therapie, sondern suchen nach weiteren Einflussmöglichkeiten auf den Krankheitsverlauf. Oft bewerten sie dabei die Eigenverantwortung für Ihre Genesung als so bedeutsam, dass dies nicht mehr im Einklang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen steht und auch dem seelischen Gleichgewicht der Betroffenen nicht gut tut. Oder sie geben viel Geld für alternative Therapien aus, deren Wirksamkeit durch nichts belegt ist.

 

Umso erstaunlicher ist es, dass viele Krebspatienten eine naheliegende und kostengünstige Möglichkeit, die eigene Genesung zu fördern, ungenutzt lassen, nämlich durch Bewegung und Sport. Mehr als die Hälfte aller Krebsüberlebenden ist körperlich nicht aktiv, bzw. bewegt sich noch weniger als vor der Krebsdiagnose (Blanchard et al. (2003) Do adults change their lifestyle behaviors after a cancer diagnosis? Am J Health Behav 27: 246-256) Das darf man angesichts der sehr ermutigenden Datenlage zum Einfluss von Sport auf den Verlauf von Tumorerkrankungen und das langfristige Überleben von Krebspatienten fast schon als tragisch bezeichnen.

 

Dass Krebspatienten in ihrer Rehabilitation von Bewegungstherapien profitieren, weiß man schon länger. Sportprogramme verbessern das Befinden auf vielen Ebenen und verringern Symptome:  Mit Bewegung lassen sich die chemobedingte Polyneuropathie sowie Lymphödeme positiv beeinflussen und die tumorassoziierte Erschöpfbarkeit Fatigue weitaus besser behandeln als mit Medikamenten. Krebskranke, die sich bewegen, haben zudem weniger Schmerzen und leiden seltener unter Harninkontinenz. Wenig verwunderlich, dass Sport die Lebensqualität Krebskranker insgesamt verbessert.

Mittlerweile leiten Ärzte aus diesen positiven Befunden sogar ab, dass Krebspatienten unmittelbar nach der Diagnose mit Sport und Bewegung beginnen sollten, da sie dann von Trainingsmaßnahmen im weiteren Verlauf der Erkrankung mehr profitieren können (Wirtz et al. FORUM 2019 34:35-38).

 

Was aber seit einigen Jahren die Forschungsgemeinschaft in Aufregung versetzt, sind deutliche Hinweise darauf, dass Sport womöglich das Potential hat, die Überlebenschancen nach einer Krebsdiagnose zu verbessern. Körperliche Aktivität beeinflusst wichtige Blutparameter, die Funktionsweise des Immunsystems und den Zellstoffwechsel. Zudem ändert sich durch Sport die Verteilung von Fettgewebe im Körper sowie bekanntermaßen die Ruheherzfrequenz. All diese körperlichen Faktoren werden in Zusammenhang mit dem Tumorwachstum, also dem Rezidivrisiko nach einer Krebserkrankung gebracht. Einige Studien, die den Zusammenhang zwischen Sport und Überleben an großen Patientengruppen rückwirkend untersucht haben,  belegen für manche Tumorarten eine Verringerung des Rezidivrisikos um etwa ein Viertel.

Für viele Onkologen ist also mittlerweile klar: Sport gehört zur Tumorbehandlung. An der Uniklinik Köln, beispielsweise, wurde ein Versorgungsmodell für Krebspatienten entwickelt, in dem eine "Onkologische Trainings- und Bewegungstherapie OTT" angeboten und an einer eigenen "OTT Akademie" Physiotherapeuten darin ausgebildet werden, Krebspatienten zu trainieren.

Das sind erste Schritte in Richtung einer Aufwertung von Sport als Therapiebestandteil bei Krebs, mit der von Experten geforderten Zielsetzung, letztlich allen Krebspatienten wohnortnah einfachen Zugang zu Trainingsgruppen zu ermöglichen.

Bis dahin werden sich die meisten Patienten selbst Sportmöglichkeiten suchen oder die zum Teil kassenfinanzierten Angebote im Rahmen des sogenannten Rehasports nutzen.

Ob Sport getrieben wird oder nicht, hängt aber, wie jeder selbst weiß, nicht nur vom Angebot in der Umgebung ab, sondern auch von motivationalen Faktoren. Wie für alle anderen Menschen auch, gilt es für Krebspatienten, den Kampf mit dem inneren Schweinehund aufzunehmen. Hier sehe ich es durchaus auch als Aufgabe der Psychoonkologie, Patienten, die sich eine entsprechende Lebensstilveränderung wünschen, in diesem Bemühen zu unterstützen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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